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Blick über Yazd

Reise durch Iran – schön wie immer und noch problemlos

Erich Gysling berichtet über die aktuelle Lage vor Ort.

Die Differenz zwischen dem, was man während einer zweiwöchigen Reise durch Iran sieht gegenüber dem, was man in den westeuropäischen Medien kurz zuvor noch gelesen, gehört, gesehen hat, ist gigantisch: Fährt man „querdurch“, im konkreten, aktuellen Fall von Teheran über Kashan, Yazd, Shiraz, Ahwaz bis Isfahan, begegnet man ausnahmslos einer entspannten Gesellschaft. Die Iraner reisen, noch vor „Neujahr“, also vor dem 21.3., offenkundig ebenso intensiv auf weite Distanzen zu Verwandten-Besuchen wie eh und je. Die Hotels sind voll gebucht, ebenso die Restaurants. Der fast schon legendäre Stau auf den Zufahrtsstrassen zu Teheran (zwei Millionen Menschen, ca 1,3 Millionen Autos, fahren täglich aus umgebenden Städten in die 14-Millionen-Metropole) ist so dicht und enervierend wie immer. Rund um Isfahan mit seinen fast schon vier Millionen Bewohnern ist es nicht anders, auch nicht im Erdöl produzierenden Tiefland bei Ahwaz. Also Normalität wie früher, wie vor der Wieder-Verhängung der Sanktionen durch die USA und dem fast totalen Rückzug europäischer Unternehmen aus dem Iran-Geschäft (als Folge der Erpressung durch die Trump-Administration und die US-Banken)?

Sichtbar ist nur ein Teil der Realität. Nicht auf Anhieb erkennbar ist, dass das Gedränge in den Bazaars doch etwas geringer ist als, beispielsweise, noch vor einem Jahr. Alle Händler sagen: Ja, es gibt einen Rückgang, auch wenn er nicht (noch nicht) dramatisch ist – man kann, rein geschätzt, davon ausgehen, dass er im Kleinhandel gut zehn Prozent ausmacht. Deutlicher wahrnehmen kann ein ausländischer Besucher, eine Besucherin aus Westeuropa, dass der Wechselkurs des iranischen Rial zum Euro täglich stark schwankt, ja dass er sogar an ein und demselben Tag von Wechselstube zu Wechselstube unterschiedlich ist. Klar, das muss so sein, bei einer Jahresinflation von rund 70 Prozent. Diesem Teufelskreis entziehen kann sich nur, wer sein Gehalt oder einen Teil davon in westlicher Währung erhält, und das sind nur Wenige. Aber noch funktioniert, generell, die Solidarität: erfährt jemand, dass ein Verwandter in Not gerät, wird im Rahmen des Möglichen geholfen. Daher ist Armut noch immer selten sichtbar. Wie lange das noch so gehen kann, weiss allerdings niemand.

Allen Iranern, allen Iranerinnen ist klar, dass es im politischen Gefüge des Landes zumindest Differenzen, vielleicht sogar Machtkämpfe gibt. Der Aussenminister reichte seinen Rücktritt ein, weil er sich von ganz hoch oben übergangen fühlte – er wurde nicht mit einbezogen, als der syrische Präsident Assad für Konsultationen nach Teheran geholt wurde. Der oberste religiöse Führer, Ayatollah Khamenei, arrangierte die Zwangs-Visite offenkundig nur in Absprache mit dem tonangebenden Kommandanten der al-Quds-Brigaden, General Qassem Soleimany. Die al-Quds-Einheiten stehen in Irak im Einsatz gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat, in Syrien im Wesentlichen zugunsten des Assad-Regimes. Soleimany anderseits setzte sich nach dem Assad-Besuch, öffentlich, dafür ein, dass Mohammed Jawad Zarif im Amt bleiben musste. Also engagierte er sich (für viele Iranerinnen und Iraner ist Soleimany ein Held, für andere ein eigenmächtiger Haudegen) plötzlich für einen der Gemässigten innerhalb des Regimes. Auch eine Mehrheit der Mitglieder des Parlaments erklärte öffentlich, Jawad Zarif müsse unbedingt Aussenminister bleiben. 
Dann nehmen Iranerinnen und Iraner auch wahr, dass ein Erzkonservativer, Ebrahim Raisi, in der komplexen Hierarchie aufsteigt – der 58jährige Kleriker wurde Justizchef und hat somit noch bessere Chancen als bisher, eines Tages Nachfolger des religiösen Führers Khamenei (80-jährig) zu werden.  
Heisst das, dass Hardliner an Einfluss gewinnen, zulasten der Gemässigten, der so genannten Reformer? Vielleicht ja, aber Iran beachtet weiterhin, das bestätigte eben die Internationale Atomenergie-Agentur, das im Jahr 2015 unterzeichnete Abkommen, das den Verzicht Irans auf die Entwicklung einer Atombombe garantiert – auch wenn das Land nur wenig als Belohnung für seine Unterschrift und seine Vertragstreue erhalten hat. Mehrheitlich blieben die internationalen Sanktionen in Kraft, jene der USA ohnehin, und dennoch wurde US-Präsident Trump vertragsbrüchig und setzte den Europäern das Ultimatum, jeglichen Handel mit Iran zu beenden. Also: keine Lieferungen mehr von technologisch irgendwie wichtigen Artikeln ins Land der Ayatollahs und umgekehrt keine Exporte mehr von iranischem Erdöl oder Erdgas. Nach Europa fliesst jetzt tatsächlich nichts mehr. China und andere asiatische Länder kompensieren die Lücke nur teilweise – der Export sank von 2,6 Millionen Barrel (ein Barrel = 159 Liter) täglich auf weniger als 1 Million.
Eigentlich müsste der Lieferstopp aus dem Ausland, etwa von elektronischen Geräten, zu leeren Gestellen in den Geschäften führen – aber davon ist nichts zu sehen: überall werden neue iPhones, iPads etc angeboten, allerdings zu hohen Preisen. Denn die Ware kommt, dank iranischem Erfindungsreichtum, über irgendwelche Umwege ins Land – und die Zwischenhändler wollen ja auch etwas verdienen. Engpässe gibt es beim Dieseltreibstoff, aber das hängt eher mit mangelnden Kapazitäten in den Raffinerien zusammen als mit den Sanktionen. Und wie sieht es bei Alltags-Konsumgütern, etwa bei Nahrungsmitteln, aus? Preissteigerungen von bisweilen fünfzig Prozent in einem Jahr sollen keine Ausnahmen sein. Weil manche Familien Vorräte anlegen, in der Erwartung, dass bald alles noch teurer werden könnte – daher gewisse Engpässe. 
Die ausländischen Besucher spüren davon allerdings nichts – was in den Restaurants auf den Tisch kommt, ist so reichlich und vielfältig wie eh und je. Selbst wer mit einem eigenen Camper durch das Land fahren will (wir trafen eben, im südlichen Shushtar, eine ganze „Karawane“ von etwa 15 Fahrzeugen mit schweizerischen und deutschen Kennzeichen an), stösst auf keinerlei Schwierigkeiten, nicht einmal beim Tanken. Und Alle in dieser Gruppe sagten, es gebe kein angenehmeres Land als Iran für eine Langstreckenreise – überall erhalte man sofort Hilfe und nützliche Hinweise.
Mit anderen Worten: Iran kann immer noch problemlos besucht werden, Drohgebärden von seiten der USA, Saudiarabiens und Israels hin oder her. 

„Background Tours“ plant die nächste Reise durch Iran für den Zeitraum 28. März bis 12. April 2020.

Text: Erich Gysling