Touristenzug in Andalusien

Hier lebt sie, die Vergangenheit

Von Nicole Tabanyi, Schweizer Familie

Die Reisenden, unterwegs auf einer Zugreise durch Andalusien, entdecken einen Fleck Erde mit grandiosen Landschaften. Und Städte, deren Architektur an die Zeit erinnert, als die Mauren über die spanische Provinz herrschten. Die Alhambra in Granada war ihr Palast.

„An einem Tag wie diesem muss man das Leben lieben», sagt Anne Moret und lacht. Das Mittagessen auf dem Tren Al Andalus war so deliziös, dass sich die 65-jährige Genferin vom Koch das Rezept geben liess. Gegrilltes Ibérico-Schwein mit Käse und Ananas. «Diese Köstlichkeit bekommen meine Enkel zu Weihnachten aufgetischt», sagt die Frau, die schon drei Kontinente per Zug bereist hat. Dann packt sie ihren Sonnenschirm und steigt aus dem kühlen Zugabteil in die andalusische Hitze. 32 Grad Celsius zeigt das Thermometer am Bahnhof Granadas an. Einer Stadt mit tropischem Mikroklima, die am Fusse der Sierra Nevada – des schneebedeckten Gebirges – in der südspanischen Provinz Andalusien liegt. Gut, gibt es in den Gärten der Alhambra so viel Schatten. Der Himmel ist saphirblau. In der Luft liegt ein Duft nach Jasmin und Bitterorangen, die Vögel zwitschern exotische Melodien. Mal flötet es mit Inbrunst von den Granatapfelbäumen, dann kommt das Trällern aus den hochgewachsenen Zypressen. Oder vom Dach des Löwen-Palastes.

Fast 800 Jahre lang herrschten die Araber über Andalusien.

Die Alhambra – die rote Festung, wie sie auch heisst, weil sich ihre Mauern im Licht der untergehenden Sonne rot färben – war die letzte Bastion der hier ansässigen Sultane. Hinter den Mauern liessen sie Paläste, Brunnen und Wasserspiele errichten. Es ist anzunehmen, dass sie mit ihren Familien und dem Gefolge ein unbeschwertes Leben führten. Bis zu jenem Tag, an dem die Festung fiel. Das war am 31. März 1492. 

Die Truppen des spanischen Königspaars Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien nahmen die Alhambra für sich ein. «Sie ist das schönste Erbe, das uns die Araber nicht ganz freiwillig hinterlassen haben», sagt Alhambra-Guide Carmen Ramones.

«Schauen Sie sich um! Sind die Paläste nicht zauberhaft?»

Über zwei Millionen Besucher aus der ganzen Welt reisen jährlich hierher, um die Sehenswürdigkeit, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, zu bestaunen – und um danach von der Anhöhe mit Blick über Dächer und Gassen – ins Leben von Granada einzutauchen.

Zu Besuch bei der Gitarrenbauerin

Ein Weg führt direkt in die Cuesta de Gomérez hinunter, die Gasse der Gitarrenbauer. Das älteste Gitarrengeschäft ist die Casa Ferrer. «Fundada en 1875» steht über der Eingangstüre, die beim Öffnen knarzt. Ana Duran Ferrer, lange blonde Haare, grosse Hände, weisser Arbeitskittel, steht hinter dem Tresen und begrüsst ihre Kundschaft mit einem rauchigen «Hola – que quieres?» – Was wünschst du? Schnell wird klar: Das Duzen gehört in Andalusien zum guten Ton. Die Südspanierin ist Managerin der Casa Ferrer, Urenkelin des Firmengründers und Gitarrenbauerin. «Mit 19 habe ich meine erste klassische Gitarre gebaut. Genau nach dem Modell, das mein Urgrossvater entworfen hat», sagt sie. «Noch heute bin ich die einzige Frau in Andalusien, die das Handwerk beherrscht.»

Sechs Wochen braucht sie für eine klassische Gitarre aus Palisanderholz, für eine Flamenco-Gitarre aus Zypressenholz deren vier. Die Tür geht auf, zwei Touristinnen strecken ihre Köpfe ins Ladeninnere und fragen:

«Wo gibt es hier den besten Flamenco?»

Ana Duran Ferrer lacht kurz auf und sagt mit ihrer rauchigen Stimme: «Fragt mich nicht. Ich baue zwar Flamenco-Gitarren, aber wenn ich Flamenco höre, dann wird mir ganz sturm. Erkundigt euch lieber bei Juan nebenan.»

Wie von der Tarantel gestochen, springt Antonia Heredra vom Hocker der Bühne hoch. Dann klopft sie mit ihren Stiefeletten einen Galopp auf den Boden, hält inne und beginnt ein «Aah-aha, mi-i amoo-oor» anzustimmen. «Hat sie sich verliebt, oder wurde sie verlassen?», fragt sich der Zuschauer. Was Antonia Heredra, ihr Tanzpartner David Cordoba und die beiden Musiker in der nächsten Stunde darbieten, erobert das Publikum im Sturm. Zum Schluss spickt die Spange aus Antonia Heredras Hochsteckfrisur, und ihre Mähne schliesst sich kreisförmig um das Paar – wie ein schwarzer Vorhang. Tosender Applaus.

Nach so viel Liebestänzen ist die Kehle trocken. Zeit für einen Schlummertrunk. «Darf es eine Bloody Mary sein? Oder lieber ein Portwein?», erkundigt sich Barkeeper Melguiades Fernández nach den Wünschen seiner Gäste. In der Bar des Luxuszuges El Tren Al Andalus, der Richtung Córdoba weiterfährt, fehlt es an nichts. Die Einrichtung im Stil der 1920er- und 1930er-Jahre erinnert an die Verfilmung von Agatha Christies Kriminalroman «Mord im Orient-Express». Nur dass kein belgischer Meisterdetektiv namens Hercule Poirot an Bord ist, der über so viel Intuition verfügt, dass er die Geheimnisse seines Gegenübers nicht nur erahnt, sondern sie wie weisse Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Seit einigen Jahren können nostalgieliebende Reisende Andalusien an Bord dieses Luxuszuges erkunden: im fahrenden Fünfsternehotel. Die Städte, die während der siebentägigen Reise zu sehen sind, haben Charme und sind Paradiese für Feinschmecker. In Sevilla zum Beispiel lässt sich stundenlang durch Viertel schlendern, in denen sich Bodegas an Tapas-Bars reihen. In der Taberna Las Terasas hängen so viele Ibérico-Schinken von der Decke, dass die Kellner hinter der Theke kaum zu sehen sind. 

Zum Schinken, Jamón, trinkt der Südspanier einen Tinto, ein Glas Rotwein, und gönnt sich anschliessend einen Teller Pulpo en su tinta, Tintenfisch in seiner Tinte, oder Meijillones, Miesmuscheln.

 

Ausschnitt aus der Andalusien-Reportage, erschienen in der Schweizer Familie Nr. 44.