Berge Kaukasus

Erfahrungen im Kaukasus

Von Erich Gysling

Geschichte kann man unterschiedlich lesen und verstehen. Das gilt für einige Epochen in Europa, es gilt aber noch zugespitzter für andere Weltgegenden. Beispielsweise für den Kaukasus, diese historisch so unglaublich vielschichtige Region. Armenier, Türken, Aserbaidschaner – sie interpretieren so ziemlich Alles, was sich in ihrem Lebensraum seit dem 19. Jahrhundert abgespielt hat, auf gegensätzliche Art und Weise. Ähnlich ist’s mit Georgiern und Russen, insbesondere seit dem Konflikt um Südossetien im Jahr 2008 und seit der Sezession Abchasiens.

Reist man jetzt durch den Kaukasus, greift man sich bisweilen (klar, das sollte man eher diskret tun…) an den Kopf. In der Hauptstadt Aserbaidschans, Baku, führt der Reiseleiter die Besucher zu einem „Genozid-Memorial“. Da denkt nun Jede, Jeder aus Westeuropa zunächst einmal, hier werde der Völkermord der Türken am Volk der Armenier thematisiert. Doch weit gefehlt: Armenier hätten Massenmord am Volk der Aseri begangen, in der Zeit kurz nach der bolschewistischen Oktoberrevolution von 1917, wird nun erklärt. Der Besucher, die Besucherin, schweigt zunächst mal betroffen – und macht sich dann vielleicht via Wikipedia kundig. Ja, es gab in Baku schwere Gewalt zwischen den verschiedenen Ethnien, ausgeübt von Aseri gegen Armenier und in Einzelfällen auch von Armeniern gegen Aseri. Und so schrecklich das war – handelte es sich wirklich um Genozid, um Völkermord? Ist das vergleichbar mit der Beinahe-Auslöschung des armenischen Volks durch die Türken in den Jahren des Umbruchs vom Osmanischen Reich zur „modernen“ Türkei unter Kemal Atatürk? Gewiss nicht.

Reist man weiter durch Aserbaidschan, trifft man da und dort auf grossartige armenische Kirchen oder Klöster – nur werden die, in der Interpretation der Reiseleiter, nicht so genannt. „Albanische Tempel“ seien das, erklärt der Begleiter. Und erläutert, auf Nachfrage, dass es sich da natürlich nicht um die Albaner im Balkan handle, sondern um Nachfahren von Medern im heutigen Iran. Diese Tempel seien dann von Armeniern zerstört worden…

Drüben, in Armenien, wird die Geschichte zwar längst nicht so krass verzerrt, aber auch auf eigenständige Art und Weise gelesen und erklärt: Die Region von Nagorni-Karabach sei immer von Armeniern bewohnt gewesen und gehöre daher voll und ganz zu Armenien. Historisch nachweisen lässt sich, dass Nagorni-Karabach zwar meistens eine armenische Mehrheitsbevölkerung hatte, aber es gab auch Zwischenphasen, in denen das eben nicht galt. Daher hatten die Bolschewiken in der Zeit von Stalins Diktatur nicht total Unrecht, das Gebiet den Aseri zuzuschlagen.

Reist man durch die drei Kaukasus-Länder, erfährt man einerseits immer viel von den ungelösten Konflikten, aber das ändert nichts an der täglich erfahrbaren »Leichtigkeit des Seins«.

Im Grunde genommen ist’s ein Glück, dass das heutige Russland nicht so richtig weiss, ob es sich eher gegenüber Aserbaidschan oder gegenüber Armenien loyal erweisen sollte. Resultat: Putins Machtapparat begünstigt beide, hält beide in Schranken und liefert auch Waffen an beide (mehr an Armenien als an die Gegenseite). Vorläufig funktioniert das insofern, als man keinen Kriegsausbruch befürchten muss.

Höhere Interessen gibt es ja auch im Verhältnis zwischen dem grossen Russland und dem kleinen Georgien: die Staatsführung in Tiflis hat sich (zwar nicht offiziell) damit abgefunden, dass sie keine Kontrolle mehr hat über das abtrünnige Abchasien am Schwarzen Meer und über Südossetien. Und die Führung in Moskau nimmt grollend zur Kenntnis, dass die internationale Gemeinschaft Russlands tatsächliche Macht in diesen beiden Mini-Regionen nur stillschweigend, aber nicht offiziell akzeptiert.

In Georgien anderseits treffen Reisende immer wieder auf mehrere merkwürdige Geschichts-Grauzonen: Stalin, der Sowjet-Diktator, von Geburt Georgier, wird bei der Darstellung der leidvollen Geschichte ausgeblendet: irgendwie scheint er sich in einer jahrzehntelangen fremden Gewalt-Herrschaft aufgelöst zu haben, mit dem Resultat, dass Georgien mit der ganzen Geschichte der Sowjetunion aktiv nie etwas zu schaffen gehabt habe. Nur in seinem Geburtsort, unfern von Tiflis, ist Stalin noch präsent. Was aber ist mit dem brutalen Geheimdienstchef Beria im Reich Stalins? War der nicht auch Georgier – und waren vielleicht nicht auch noch einige andere Georgier mit verantwortlich für die Gräuel der Sowjet-Diktatur?

Auf solche Fragen gibt es keine Antwort und gibt es im historischen Museum in Tiflis (das im Übrigen sehr sehenswert ist) keine Hinweise. Also übt sich der Besucher, die Besucherin, nach etwas Erfahrung in wissender Diskretion…

Reist man durch die drei Kaukasus-Länder, erfährt man einerseits immer viel von den ungelösten Konflikten, aber das ändert nichts an der täglich erfahrbaren „Leichtigkeit des Seins“. Vielleicht mit zwei Ausnahmen: beim Kloster Khor Virap in Armenien, nicht weit von der Hauptstadt Jerewan, schaut man, zusammen mit immer vielen armenischen Ausflüglern, hinüber auf den meistens schneebedeckten Berg Ararat, den „heiligen“ Berg der Armenier. Richtet man seinen Feldstecher aber auf die Ebene in direkter Nähe, sieht man die hermetisch abgeriegelte Grenze. Drüben die Türkei, hier Armenien.

Und will man von Aserbaidschan nach Armenien, muss man georgisches Staatsgebiet queren. Das ist im Prinzip unproblematisch, die Georgier geht der Streit zwischen Aserbaidschan und Armenien eigentlich nichts an. Es ist für die Reisenden ein kleiner Umweg, nicht viel mehr.

Oder doch? Man wird sich bei diesen Übergängen bewusst, wie viele Differenzen es in dieser Region gibt, wie viel Geschichte die Gegenwart belastet. Wie unterschiedlich scheinbar klare Fakten interpretiert werden können.

Eine oft wiederholte Story besagt, die Menschen in der Kaukasus-Region erreichten bisweilen das Alter von 120 oder gar mehr Jahren. Weshalb? Weil sie mehr Joghurt und/oder Buttermilch konsumierten als die Bewohner anderer Weltgegenden, hört man dann. Die Fakten sind nüchterner, aber interessanter: Als die Armeen der russischen Zaren im 19. Jahrhundert immer weiter in den Kaukasus vorstiessen, sollten die dort lebenden Männer zwangsrekrutiert werden. Die russischen Offiziere fanden es aber zu mühsam, zu diesem Zweck bis in die entlegenen Dörfer der Gebirgsregion zu reiten – sie kommandierten jeweils einen Bevollmächtigten eines Dorfs in die nächste Kreisstadt. Der brachte Namenslisten mit, versehen mit den Altersangaben. War Einer 20-jährig, wurde er als 60-jährig deklariert, ein 30-jähriger 70 oder gar mehr. So entzogen sich die Kaukasier der Rekrutierung in die russische Armee. Und behielten das erhöhte Alter für die restliche Lebenszeit bei…