Azoren – immergrüne Gärten im Atlantik

Von Pedro Fürst

Der Anflug von Lissabon dauert zwei Stunden. Blau, weiss, wechseln sich vorbeihuschende Wolkenfetzen und der freie Blick auf den ozeanblauen Atlantik ab. Das Reiseziel zeigt sich ganz in Grün. São Miguel, die grösste Insel dieses westlichsten Aussenpostens Europas.

Auf São Miguel lebt mehr als die Hälfte aller 250‘000 Azorer, hier liegt die Hauptstadt Ponta Delgada, der Regierungssitz, hier laufen die wichtigsten wirtschaftlichen Fäden zusammen. Die Azoren gehören zu Portugal, geniessen aber seit 1976 weitreichende Autonomierechte. Und seit 1996 – wo gibt es das sonst in Europa? – gewinnt die Sozialistische Partei im Vierjahresrhythmus die Wahlen. Der Präsident der Azoren residiert im Palacio Sant’Ana, einem Prachtbau im klassizistischen Stil. Das feudale Anwesen ist von zwei botanischen Gärten umgeben. Sie lassen erahnen, welch exotisches Gewächs aus aller Welt in diesem Klima gedeihen kann. Vor allem aber bietet São Miguel faszinierende Einblicke in seine vulkanische Vergangenheit und Gegenwart. Im Tal des Städtchens Furnas soll dies ganz besonders annehmlich spürbar sein. Zwei Dutzend Heilquellen versprechen Tiefenentspannung für Geist und Körper.

Teuflisch gut gegart

Ein malerischer Kratersee empfängt einen bei der Einfahrt ins Tal, und ein Hauch von Schwefel juckt in der Nase. Unbebaute Ufer, von Wald umsäumt der mit Wasser gefüllte, vulkanische Einsturzkessel, der auch auf Portugiesisch so heisst, Caldeira, Kessel. Ein Wort, das man sich auf den Azoren merken muss. Und wie es sich für eine richtige Caldeira gehört, dampft es an einem Ende des Sees. Eine kochend heisse Quelle, die aus über 100 Meter Tiefe nach oben dringt, hat ein Thermalfeld geschaffen, blubbernde Teiche, Schlammlöcher, in denen sich wie in Zeitlupe fette, graue Blasen bilden, die dann träge in sich zusammenfallen, und Ritzen, aus denen unablässig Dampf zischt, hier kommt der Schwefelgeruch her. Kurz vor der Mittagszeit wird das Thermalfeld zum Touristenmagneten. Aus kulinarischen Gründen. Der Boden ist heiss genug, um darin im Slow-Food-Tempo Speisen zu garen. Cozido heisst die Spezialität aus Teufels Küche. Mächtige Kochtöpfe werden in den frühen Morgenstunden in der Caldeira versenkt, Kessel im Kessel sozusagen.

Nach vier bis sechs Stunden ist das Gericht fertig, die Töpfe aus dem Erdinneren geborgen und in den umliegenden Restaurants serviert. Reichhaltig und deftig ist Cozido, Kohl und Yamswurzeln, Speck und Blutwurst, Kartoffeln, Süsskartoffeln, Karotten, Chorizo-Würste, Hühner- und Rindfleisch sind die Zutaten für diesen Eintopf. Da kann man nach dem Genuss nur relaxen.

Traditionell entschleunigt

Im charmanten Städtchen Furnas mit seinen verwinkelten Gässchen, den grosszügigen Parkanlagen mit exotischem Gehölz und mehreren Heilquellen bietet sich dazu reichlich Gelegenheit. Das Tempo, in dem Cozido gegart wird, scheint auch hier den Takt anzugeben, eine entspannte Gemächlichkeit liegt in der Luft, und Entschleunigung hat Tradition in Furnas. Mehrere Thermalquellen, verschieden heiss und mit unterschiedlichem Mineralgehalt, lockten schon in den 1930er-Jahren, als die Azoren nur mit dem Schiff zu erreichen waren, die ersten Touristen an. Zeugnis aus dieser Zeit legt der Parque Terra Nostra ab, mit Hotel und Casino im Art-déco-Stil atmet die Anlage die Grandezza von damals. Riesig auch das zentrale Thermalbecken mitten im Park, in dem die Kurgäste im 30 Grad warmen, rostbraunen Wasser vor allem Linderung von Rheumaleiden suchen. Mein Favorit ist die Thermalquelle, welche die Einheimischen schlicht Poca, die Pfütze, nennen. Hier sprudelt handwarmes Wasser aus einer Felsgrotte, fliesst in einem Hauptstrom talwärts und wird auf diesem Weg in fünf Becken zurückgehalten.

Ein Bijou, diese kürzlich rundum renovierte Anlage, klein, aber fein, und die Fauna, die einen umgibt, mutet paradiesisch an, etwa meterhohe Baumfarne, Palmen und die dicht gedrängten, riesigen Blätter der Yamswurzel. Wer sich hier inmitten der urwüchsigen Natur in einem Becken vom warmen Nass verwöhnen lässt, kann schon mal Zeit und Raum vergessen. Was die weltvergessene Inselwelt der Azoren an Urbanität zu bieten hat, das findet man nur in Ponta Delgada mit seinen 70‘000 Einwohnern.

Eine Hafenanlage, belebte, schmucke Gassen, Bars und geschmackvolle Restaurants, Buchhandlungen, Galerien, wuchtige Kirchen, prunkvolle Stadtpalais, hier kann am Morgen sogar der Verkehr einmal kurz stocken.

Etwa auf dem Weg zum Stadtmarkt, wo präsentiert wird, was die Erde so hergibt, selbst Bananen und Ananas gedeihen hier. Das Highlight ist aber der Fischmarkt, was da an fangfri-scher Vielfalt aus den Tiefen des Meeres zum Kauf angeboten wird, lässt das Herz eines Fischliebhabers höherschlagen.

Genau so kommt man sich auf den Azoren oft vor, am Ende der Welt – und irgendwie auch an ihrem Anfang.

Verschwundenes Land

Erhöhten Puls haben wahrscheinlich auch die Transatlantiksegler, wenn sie das Städtchen Horta auf der Insel Faial sichten. Ein Stopp im Hafen von Horta gehört beim Törn von der Alten in die Neue Welt unter Seglern zum guten Ton. Genauso wie der Besuch der legendären Hafenkneipe Peter Café Sport, in der wortreich Seemannsgarn gesponnen wird. Bevor es bei den Seglern wieder Leinen los heisst, sollten sie allerdings noch ein weiteres Ritual einhalten. Um Unglück abzuwenden, verewigen sich die Segelcrews mit Datum und dem Namen von Besatzung und Schiff auf der Hafenmauer. So ist ein sehr spezielles Open-Air-Museum entstanden, gestaltet von Seglern aus aller Welt.

Im Herzen der Insel Faial, auf rund 1‘000 Meter Meereshöhe, thront ein fast kreisrunder Vulkankessel, eine wild-romantische Caldeira mit urwüchsiger Vegetation. Wenn Wolkenfetzen und Nebelschwaden sich lichten, öffnet sich der Blick gegen die Westspitze der Insel, wo der Vulkan dos Capelinhos liegt. Was er 1957/58 mit seiner Eruption an Neuland geschaffen hat, ist inzwischen auf ein Drittel geschrumpft, Wasser, Wind und Wetter haben den Rest wieder abgetragen. Als Mahnmal steht weiterhin ein Leuchtturm, bis zum ersten Stockwerk mit Vul-kanasche gefüllt. Hier kann man schon ins Sinnieren kommen über die Kraft der Natur. Und dass eine nahe gelegene Bar «Zum Ende der Welt» heisst, passt in dieses Stimmungsbild. Genau so kommt man sich auf den Azoren oft vor, am Ende der Welt – und irgendwie auch an ihrem Anfang.

Ausschnitte aus der Azoren-Reportage, erschienen in der Schweizer Familie 4/2018.